„Ich wollte immer die Wahrheit wissen“ – Elisabeth Wackers am KvGG

 

Die Schülerinnen und Schüler der Klasse 9c beschäftigen sich im Geschichtsunterricht momentan mit dem NS-Herrschaftssystem. Dabei geht es auch um die Frage, wie es möglich sein konnte, Menschen aus der Gemeinschaft auszuschließen: Juden, Sinti und Roma, aber auch Menschen mit körperlicher oder geistig-seelischer Behinderung.  

 

Passend zu diesem Thema fand der Geschichtslehrer der 9c, Herr Weikamp, im Februar 2022 einen Artikel in der Rheinischen Post. Darin wurde berichtet, wie die Kevelaererin Frau Elisabeth Wackers jahrelang nach der Geschichte ihrer Mutter Maria Wackers forschte und herausfand, dass diese als nervenkranke Frau ein Opfer der Euthanasie-Verbrechen der NS-Zeit wurde. Auf Anfrage von Herrn Weikamp war Frau Wackers gerne bereit, der 9c aus ihrem Leben und von ihren Erfahrungen bei der Suche nach der Geschichte ihrer Mutter zu erzählen. 

 

Viele Jahre – so erzählte Frau Wackers – wusste sie nichts vom Schicksal ihrer Mutter. Sie machte sich auf den Weg, um mehr zu erfahren. So zog sie sogar mehrere Jahre nach Berlin, um dort in den Archiven zu suchen.  

 

Bei ihrer Recherche fand sie heraus, dass ihre Mutter 1945 mit 39 Jahren ermordet wurde. Maria Wackers wurde 1906 geboren und heiratete einen Kevelaerer Bäckermeister, der auf der Maasstraße ein Gasthaus mit Pilgerherberge leitete. Das Hitler-Regime lehnten sie kategorisch ab. So hissten sie keine Hakenkreuzfahne und erlaubten ihren fünf Kindern nicht, der Hitler-Jugend beizutreten. 

 

In Folge des öffentlichen Drucks in der Stadt gegen ihr Verhalten wurde sie nervlich krank und musste behandelt werden. Als sechstes Kind kam in dieser Zeit Frau Elisabeth Wackers zur Welt. Vor der Klasse erzählte sie, wie die ganze Familie im letzten Kriegsjahr nach Mitteldeutschland gebracht wurde. Was sich dort ereignete, wurde verschwiegen und tabuisiert. 

 

Frau Wackers Mutter erlitt während der Flucht in einem Zug einen Nervenzusammenbruch. In seiner Not brachte ihr Bruder sie in das nächstgelegene Krankenhaus. Es handelte sich um eine als Krankenhaus getarnte Euthanasie-Anstalt des NS-Regimes. Dort wurde Maria Wackers wenige Wochen später ermordet. Ihren Kindern wurde dies nie mitgeteilt. 

 

Frau Wackers verwies in ihrem Vortrag auch auf das Handeln von Kardinal von Galen, der in seinen drei Predigten in Münster die Euthanasie-Verbrechen heftig angeprangerte und dabei sein eigenes Leben in Gefahr brachte. Sie las einen Teil einer damaligen Predigt aus der Lambertikirche vor.

 

Die Klasse 9c hörte dem Vortrag interessiert und konzentriert zu. Es war deutlich zu spüren, wie sehr Frau Wackers Lebensgeschichte die Schülerinnen und Schüler berührte und sie stellten viele Fragen, die Frau Wackers umfassend beantwortete.

Nach dem Vortrag bedankte sich Frau Wackers bei den Schülerinnen und Schülern für die Bereitschaft, ihrer dramatischen Erzählung zuzuhören. Als Dank für ihren Vortrag überreichte die Schule Frau Wackers einen Blumenstrauß. Sie zeigte sich gerührt und äußerte zugleich freudig die Bereitschaft, auch in anderen Klassen über die Nachforschungen nach dem Leben und Tod der eigenen Mutter zu erzählen. Des Weiteren stellte sie das Buch „Das Haus mit den sieben Dächern“ von Hermann Multhaupt vor, in dem Interessierte mehr über das Schicksal der Familie erfahren können.

 

Am Freitag, dem 11.03.22, wird Frau Wackers den Geschichtsleistungskurs er Q2 von Herrn Lauks besuchen und auch dort ihre ergreifende Geschichte erzählen. Das KvGG dankt Frau Wackers sehr herzlich für ihre Besuche, die ein wichtiger Beitrag wider das Vergessen der Gräueltaten in der NS-Zeit sind.

 

 

Katrin Boland,

10.03.2022