Besuch der Zeitzeugin Frau Eva Weyl

„Lernt aus der Vergangenheit und werdet meine Zweitzeugen.“

 

Die Zeitzeugin Eva Weyl besucht am 28.05.2019 das Kardinal-von-Galen-Gymnasium. 

 

Die Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 9 und andere Interessierte verfolgen gebannt den Vortrag von Frau Weyl, Überlebende des Durchgangslagers / Konzentrationslagers Westerbork (Niederlande), die zum sechsten Mal am KvGG zu Besuch ist. 

 

Unter Bezugnahme auf persönliche Fotos und historische Dokumente erzählt die 83-jährige Eva Weyl, die mit ihrer Familie als eine der wenigen niederländischen Juden den Holocaust überlebte, ihre Geschichte. 

 

Ihre Erzählungen beginnt Frau Weyl mit einem kleinen Comic, in welchem ein Junge und ein älterer Mann auf einer Bank sitzen und der Junge die Nummer auf dem Arm des älteren Mannes sieht und ihn darauf anspricht. Mit diesem Comic erklärt Frau Weyl das unmenschliche und bürokratische System des Vernichtungslagers Auschwitz Birkenau und damit den Höhepunkt des Holocaust.

An dieser Stelle sagt Frau Weyl zum ersten Mal, dass die vor ihr sitzenden jungen Menschen keinerlei Schuld an dieser Unmenschlichkeit haben, genauso wenig wie ihre Eltern oder Großeltern, sie aber einen großen Anteil daran haben, diese Geschichte nicht zu vergessen, indem sie ihre Zweitzeugen werden sollen und zum anderen für die Zukunft verantwortlich seien, damit sich diese Geschichte nicht wiederholt. Sie verweist hier auf die jüngste Vergangenheit und betont, dass alle Menschen gleich sind und man keinen ausgrenzen dürfe, so wie es die Nationalsozialisten getan haben. 

 

Im Anschluss an diese bereits sehr emotionalen und auch ermahnenden Worte, leitet Frau Weyl zu ihrer eigenen Geschichte über.

Sie zeigt den Schülern das ehemalige familiäre Unternehmen, ein großes Kaufhaus in Kleve, welches heute Kaufhof ist. Dieses Kaufhaus wurde im Zuge der Arisierungen der Familie für einen sehr niedrigen Betrag „abgekauft“ und bis heute gab es hierfür keinerlei Entschädigung. Nachdem die Judenfeindlichkeit immer mehr zunahm, auch vor den Geschäften anderer Familienmitglieder (hier zeigt sie ein Foto mit SS-Männern vor dem Geschäft ihrer Verwandtschaft mit der bekannten Aufforderung „Deutsche kauft nicht bei Juden“)  emigrierte die Familie in Hoffnung auf Sicherheit in die Niederlande, da die Niederlande während des Ersten Weltkrieges neutral geblieben war. 

Im Zuge der Eroberungspolitik der Nationalsozialisten war diese Hoffnung im Jahre 1940 der Angst gewichen, da diese am 10. Mai in die Niederlande einmarschierten und ihre judenfeindliche Politik auch hier grausam durchführten. Frau Weyl wies darauf hin, dass sie zu keiner Zeit Angst hatte, da die Erwachsenen ihr und auch den anderen Kindern nicht die Wahrheit gesagt hätten, sondern so taten, als wäre dies alles ein großes Abenteuer, was nun auf sie zukommen würde.

Relativ schnell nach dem Einmarsch in die Niederlande übernahmen die Nationalsozialisten ehemalige Gebäude, die als Gefängnisse oder Flüchtlingslager fungierten, wie das Kamp Westerbork. Das ehemalige „Zentrale Flüchtlingslager Westerbork“ wurde zu einem „polizeilichen Judendurchgangslager Kamp Westerbork“ umfunktioniert. 

In genau dieses Lager kam im Jahr 1942 die sechsjährige Eva Weyl mit ihrer Familie. Aufgrund der nun durchgeführten Deportation musste die Familie ihr neu aufgebautes Leben und ihr Hab und Gut ein weiteres Mal zurücklassen. Im Gegensatz zur ersten Veränderung hatte dieses neue Leben viele Veränderungen und auch Entbehrungen mit sich gebracht. Zum einen wohnte man mit mehreren Menschen in einem „Haus“, war somit nie alleine, auch nicht wenn es um die elementaren Aspekte der Hygiene ging und zum anderen war alles stärker strukturiert und eingeteilt. 

Das Kamp Westerbork galt als Durchgangslager, in welchem einmal pro Woche, wie auf der Wannsee-Konferenz beschlossen, ca. 1000 Insassen des Lagers einen Zug in Richtung Osten zu den Vernichtungslagern Sobibor oder Auschwitz, aber auch nach Bergen-Belsen oder Theresienstadt, besteigen mussten. In einem dieser Transporte war auch Anne Frank.

 

Während ihrer Ausführungen kommt Frau Weyl auch auf den Lagerkommandanten zu sprechen, Albert Konrad Gemmeker. Von ihm zeigt sei den Schülern ein Foto und erklärt ihnen das System Gemmeker, nämlich den „Schein“, dass dieses Lager niemandem schaden würde. Dieses erläutert Frau Weyl anhand von drei wesentlichen Faktoren: 

Erstens: Es gab genügend zu essen! Man musste im Vergleich zu allen anderen Lagern keinen Hunger leiden. Es gab immer Brot und Butter, wenn auch nicht das allerbeste Essen, aber es war immer genug davon da. Als Beispiel nannte sie das Abendessen, welches aus Kartoffeln, die im Lager angebaut wurden, mit Gemüse bestand. Vorher gab es auch eine Suppe, so dass hier der Schein eines normalen Lebens ohne Gefahr gewahrt werden konnte. 

Zweitens: Es gab Arbeit, die nicht mit Vernichtung bzw. Tod in Verbindung gebracht werden konnte, wie in Bergen-Belsen zum Beispiel. Jede Arbeit war nützlich. Gemmeker ließ Fabriken gründen, die wichtig für die Nationalsozialisten waren, sodass er sich hier auch einen Namen machen konnte und die jüdischen Arbeiter hatten somit die Chance, länger bleiben zu können. Natürlich haben nicht alle Juden, die neu in das Lager kamen, Arbeit erhalten, da diese relativ schnell transportiert wurden.

Drittens: Die Ablenkung. Es gab ein Orchester, Kabarett, eine Revue usw. Zum einen war Gemmeker ein Freund der Künste und zum anderen konnten die jüdischen Künstler damit auch ihre Transporte längere Zeit verhindern. 

In Westerbork wurde niemand ermordet, auch keine Juden, die zuvor geflohen sind und dann wieder gefangen genommen wurden. Sie wurden in den nächsten Zug gesetzt. Auch hier wurde der Schein eines „guten“ Lagers gewahrt. 

 

Frau Weyl zeigt zudem ein Foto, welches sie in der Schule zeigt, welche in Westerbork existierte. Natürlich hatte sie sich gewundert, warum manche nicht mehr zur Schule kamen, aber dafür kamen neue Kinder. Ihre Eltern haben hier auch den Schein des Normalen gewahrt. 

Dreimal sollte die Familie Weyl für einen Transport vorbereitet werden, einmal hatte sie das große Glück, dass die Alliierten den Schornstein auf dem Gelände von Westerbork als einen Schornstein für eine florierende Industrie hielten und diesen bombardierten. Warum war das Glück? Die Familie Weyl sollte zu diesem Zeitpunkt den Zug für einen Transport nach Osten besteigen. Aufgrund der Beschädigung der Schienen und des Schornsteins wurde dieser Transport jedoch ausgelassen.

 

1945 wurde das Lager von kanadischen Soldaten befreit und ihre Familie hatte mit ganz viel Glück überlebt. 

Sie zeigt, welches ungeheure Glück sie hatte, da es 107.000 Juden in Westerbork insgesamt gab und von diesen haben nur 5000 (!!!) überlebt. Von den 102.000 ermordeten Juden sind 80.000 vom Lagerkommandanten Gemmeker in den Tod geschickt worden.

 

Wegen ihres Überlebens hat Frau Weyl öfters ein schlechtes Gewissen, da so viele Juden nicht das Glück hatten. Aus diesem Grund hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, Schüler, Lehrer und auch die breite Öffentlichkeit zu Zweitzeugen zu machen, damit ein „zweites Auschwitz“ nie wieder möglich wird und zudem dieser neu aufkommende Hass nicht noch mehr Nahrung erhält.

 

Zum Ende ihrer Präsentation hat sie dazu ein symbolisches Bild mit drei verschieden farbigen Eiern mitgebracht, die innen jedoch alle gleich sind.

Den Schluss bildet eine Besonderheit. Frau Weyl besucht mittlerweile viele Schulen mit der Enkelin von Gemmeker. Die Enkelin hat immer noch große Probleme damit, dass ihr Großvater diese Verbrechen begangen hat und dafür fast keinerlei Strafe erhalten hat und am Ende alt werden durfte, was den vielen Juden von Westerbork verwehrt war. 

Mithilfe dieser Vorträge verarbeitet sie ihre eigene Geschichte und Frau Weyl wiederholt an dieser Stelle, dass sie, genauso wie alle Anwesenden nichts mit diesen Ereignissen zu tun haben, außer die wichtige Aufgabe als Zweitzeugen zu fungieren.

Nach ihren Ausführungen hatten die Schüler die Gelegenheit, Frau Weyl Fragen zu stellen, welche sie bereitwillig beantwortete. 

Nach weiteren Ausführungen, auch zu der Enkelin von Gemmeker, beendet Frau Weyl ihren Besuch und im Anschluss kommen noch einzelne Schüler zu ihr und fragen sie noch etwas oder bedanken sich für ihr Kommen und Engagement. 

 

Wir möchten uns auch wieder bei Frau Weyl für ihr Kommen bedanken und freuen uns auf ein baldiges Wiedersehen.

 

 

Stefanie Kröselberg,

03.06.2019