„Ihr dürft es nicht vergessen – werdet meine Zweitzeugen."

 

Die eine entkam als Holocaust-Überlebende im Sammellager Westerbork nur knapp dem Tod. Eva Weyl (84 Jahre) gehört zu den fünf Prozent Gefangenen, die überlebten. Die andere ist Anke Winter, deren Großvater, Albert Gemmeker, Kommandant im Sammellager Westerbork war. Nachdem sie sich durch einen Zufall kennengelernt hatten, entstanden eine enge Freundschaft und eine gemeinsame Mission: Das Thema darf nicht vergessen werden. "Ihr habt keine Schuld am Vergangenen, aber ihr habt Verantwortung für die Zukunft", sagt Eva Weyl Schülerinnen und Schülern immer wieder. 

 

Am Dienstag, dem 23.03.2021, fand ein digitales Treffen der Schülerinnen und Schüler der Jahrgänge 9 bis Q2 mit Frau Weyl und Frau Winter statt, bei dem diese abwechselnd ihre Geschichte vortrugen. Mittels einer Powerpoint-Präsentation erzählte Eva Weyl ihre und die Geschichte ihrer Familie, die als Kaufleute in Kleve lebten. Die Familie besaß das heutige Kaufhaus-Gebäude in Kleve. Frau Weyl berichtete von der Machtübernahme der Nationalsozialisten und stellte mit Nachdruck fest, dass es keine Rassen gibt, dass jeder Mensch gleich viel wert ist und es unsere Aufgabe ist, sich gegen anderslautende Aussagen aufzulehnen.

 

Anschließend schilderte sie die Flucht der Familie in die Niederlande. Nach der Besetzung der Niederlande durch die Nationalsozialisten wurde die Familie Weyl im Lager Westerbork interniert, wo sie mit ihrer Familie und anderen Menschen zunächst in einer „Baracke“ unterkam, dann aber in ein kleines Zimmer umzog. 

 

Nachdem Frau Weyl zu Albert Gemmeker und dessen Opfern (mehr als 80.000 Juden) übergeleitet hatte, führte Frau Winter den Vortrag fort und zeigte ein Bild ihres Großvaters, der in einer pompösen Villa im Lager lebte (Bild aus dem Jahr 1942). Albert Gemmeker, ein gebildeter Mann und eine gepflegte Erscheinung, hatte sich schnell zum Lagerkommandanten hochgearbeitet. Im Jahre 1942 wurde die Mutter von Frau Winter geboren, im gleichen Jahr, in dem Gemmeker das Lager übernahm.

 

Im Anschluss zeigte Frau Winter ein Bild Gemmekers mit seiner Geliebten und damaligen Sekretärin sowie dem Hund. Nach Aussagen von Frau Winter brachte er beiden mehr Gefühle entgegen als seiner Familie, die in Düsseldorf lebte, während Gemmeker in seiner Villa mit anderen zusammen feierte. 

Jeden Dienstag fanden die Transporte nach Auschwitz statt. Um von den Verbrechen abzulenken, wurde eine perfide Idee ersonnen: Ein kleines Dorf wurde gegründet, in dem es unter anderem das größte Krankenhaus in den Niederlanden sowie Schulen für die Gefangenen gab. So hielt man eine Scheinwelt aufrecht um zu suggerieren, dass die Juden ein gutes, unbeschwertes Leben führten.  

 

Gemmeker erschoss oder folterte niemanden selbst, sondern beauftragte andere. Er behauptete bis zuletzt, von den  Transporten nach Auschwitz bzw. in die Vernichtungslager im Osten sowie den Vergasungen und Ermordungen keine Ahnung gehabt zu haben. In einem Interview, sagte er aus, er habe die Lokomotivführer der Züge gefragt und nicht einmal diese hätten gewusst, wohin die Transporte gegangen seien.

 

Im Anschluss an den Exkurs in die Familiengeschichte Frau Winters übernahm Frau Weyl und berichtete über ihr Leben in der Baracke in dem kleinen Dorf. Sie erzählte von der Schule und davon, wie plötzlich Mädchen verschwanden. Da Frau Weyl selbst mit dem Zug in Westerbork angekommen war, beunruhigte sie die Antwort, die verschwundenen Mädchen seien mit dem Zug gefahren, nicht besonders. 

Danach führte Frau Winter führte die Geschichte ihres Großvaters fort:

Gemmeker wurde als sogenannter Schreibtischtäter nach dem Krieg gefangengenommen. Er  war  für den Tod von mehr als 80.000 Menschen verantwortlich, die aufgrund seiner Unterschrift in die Vernichtungslager geschickt wurden. Er wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt. 

Für Frau Winter ein viel zu mildes Urteil, besonders da, nach einer Gesetzesänderung in den Niederlanden, ihr Großvater bereits nach sechs Jahren entlassen wurde. Er kehrte in seine Heimatstadt Düsseldorf zurück, wo er in einer bescheidenen Zweizimmerwohnung lebte. 

Frau Winters Mutter hatte keinen Kontakt zu ihrem Vater, ihr Vater nahm allerdings Gespräche mit ihm auf um mehr zu erfahren. Es folgten Besuche, sogar gemeinsame Ferien. In Frau Winters Erinnerung war ihr Großvater ein strenger Mensch ohne jegliche Herzlichkeit. 

 

Mit 15 Jahren sah Frau Winter in der Serie „Holocaust“ ihren Großvater, ohne zu wissen, wer er war. Lange blendete sie diesen Teil der Familiengeschichte aus, bis ihr Sohn Nils vor sechs Jahren mit der Schule nach Westerbork fuhr und vor Ort berichtete, dass sein Urgroßvater dort Lagerkommandant gewesen war. Zufällig war Frau Weyl an diesem Tag vor Ort und nahm mit Frau Winters Mutter Kontakt auf. 

 

Vor zweieinhalb Jahr knüpften Frau Winter und Frau Weyl Kontakt. Für Frau Winter ist immer noch schwer, ihre Geschichte zu erzählen, da die Vergangenheit des Großvaters weiterhin für Konflikte in der Familie sorgt. Die Gespräche mit Frau Weyl und die Vorträge in den Schulen tragen dazu bei, dass sie sich der Vergangenheit stellen, ihre Schuldgefühle verlieren und sich mit ihrer Geschichte auseinandersetzen kann.

 

Am Ende der Veranstaltung appellierte Frau Weyl an die Schülerinnen und Schüler, dass sich der Holocaust nicht wiederholen dürfe und erklärte alle Anwesenden zu „Zweitzeugen“ ihrer Geschichte. Sie wiederholte mehrfach, dass keiner der Anwesenden daran schuld sei, was ihr und Millionen anderer Menschen widerfahren ist, alle Menschen aber die Verantwortung tragen, dass sich so etwas in Zukunft niemals wiederholen wird.

 

Im Anschluss an eine Fragerunde sprachen die sichtlich ergriffenen Schülerinnen und Schüler über ihre Eindrücke.  Das Kardinal- von-Galen- Gymnasium Kevelaer dankt Frau Weyl und Frau Winter für diese außergewöhnliche Lernerfahrung. Auch danken wir Frau Kröselberg und Herrn Lauks, die unseren Schülerinnen und Schülern in jedem Jahr die Möglichkeit bieten, diesen bewegenden Einblick in die deutsche Geschichte zu erhalten, denn „Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Zukunft ändern und in Freiheit leben“ (Eva Weyl).

 

 

Katrin Boland, 

12.04.2021